Alles über Sensitivity-Reading




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Sensitivity-Reading – was ist das?
Sensitivity-Reading wird manchmal auch als Diversity- oder Authenticity-Reading bezeichnet und ist ein Lektorat zu Inhalten mit sensiblen Themen wie z. B. Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit oder Ableismus. Dabei werden Texte, Bilder, Drehbücher, Computerspiele und audiovisuelle Medien von Menschen mit eigenen Diskriminierungserfahrungen analysiert, um klischeehafte, verletzende Ausdrucksweisen oder stereotype Darstellungen aufzudecken und inklusiver zu gestalten. Sensitivity-Reading will keine Aussagen zensieren, sondern vielmehr ein Bewusstsein für die Wirkung unserer Sprache schaffen und helfen, Diskriminierung und Vorurteile abzubauen.
Uns allen kann es passieren, dass wir versehentlich verletzende Inhalte verbreiten. Prominentes Beispiel ist Jamie Oliver. Er und sein Verlag zogen nach der Kritik an seinem neuen Kinderbuch die Veröffentlichung zurück. Eine gute Entscheidung – denn die Offenheit für Kritik und Reflexion ist eine ausgezeichnete Chance, inklusive Sprache zu fördern.
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Darum ist Sensitivity-Reading
wichtiger denn je
Die Gleichbehandlung aller ist ein Menschenrecht, das mehr denn je geschützt und gefördert werden sollte. Dabei werden die Stimmen marginalisierter Menschen lauter, die Allys zahlreicher – und doch weht den Befürwortenden der Vielfalt heute ein rauer Wind entgegen. Unsere Sprache spiegelt dabei strukturelle Ungleichheiten und Vorurteile wider. Ein Sensitivity-Reading zeigt echte Wertschätzung für jene, die zu lange schon abschätzige Worte und Diskriminierung ertragen mussten. Für diese Menschen kann es unglaublich heilsam sein zu erfahren, dass ein Prozess der Veränderung und Sensibilisierung in Gang gesetzt wird. Ein Prozess, durch den sie und ihre Lebenswelten mehr Sichtbarkeit und echte Teilhabe erhalten. Sensitivity-Reading wird damit zu einer Einladung, aufeinander zuzugehen.
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Mein Ansatz beim Sensitivity-Reading
Beim Sensitivity-Reading geht es nicht darum, Worte zu streichen und durch neue zu ersetzen. Vielmehr biete ich zu jedem meiner Textvorschläge eine Erklärung an, die zeigt, warum bestimmte Aussagen kritisch sein können. Auch wenn ich hierbei als PoC meine Perspektive einbringe, verstehe ich mich nicht als Sprecherin für alle PoC.
Mein Ansatz basiert auf Dialog und Reflexion. Sensitivity-Reading ist ein gemeinsamer Prozess, der Raum für Lernen schafft, ohne starre Regeln aufzustellen. Ich möchte wertvolle Anregungen und Alternativen anbieten, wie in den Beispielen (nur in der Desktopversion) – Anregungen, die angenommen, aber auch abgelehnt werden können (letzteres geschieht meist auch mit einer Erklärung).
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Meine Vision als Sensitivity-Readerin
Sprache prägt unser Miteinander – das Überschreiten persönlicher Grenzen, sollte eigentlich keinen Platz mehr haben. Kommunikation, die auf Respekt und Mitgefühl basiert, die Menschen zudem in ihren Erfahrungen und Gefühlen ernst nimmt, kann die Welt zu einem freundlicheren Ort für uns alle machen. Daran glaube ich ganz fest.
Noch mehr dazu findest Du auf der Plattform Sensitivity-Reading.
Quelle:
Linnea, Victoria: Sensitivity-Reading, in: Pertsch, Sebastian (Hrsg.): Vielfalt. Das andere Wörterbuch, 1. Aufl., Duden-Verlag, Mannheim 2023, S. 189-199.
MEIN FOKUS LIEGT AUF:
Bewertung & Generalisierung
Ich prüfe, wie Menschen in Texten dargestellt und welche Rollen ihnen zugeschrieben werden.
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Stark wertende & abwertende Sprache
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Pauschalisierungen & Verallgemeinerungen
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Sprachliche Normsetzung
Rassismus, Kolonialgeschichte & narrative Muster
Ich prüfe, ob stereotype Zuschreibungen reproduziert werden und koloniale Denk- und Erzählmuster mitschwingen.
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Rassistische & koloniale Stereotype
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Exotisierung & kulturelle Zuschreibungen
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White-Savior-Narrative
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Koloniale Erzählmuster
Macht & Zugehörigkeit
Ich analysiere, aus welchen Perspektiven erzählt wird, wessen Sicht dominiert und wer unsichtbar bleibt oder ausgeschlossen wird.
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Othering vs. Zugehörigkeit
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Ungleiche Machtverhältnisse
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Repräsentation & Tokenism
Körper, Identität &
gesellschaftliche Normen
Ich analysiere, ob Normen über Körper, Identität und soziale Zugehörigkeit gesetzt und vermittelt werden.
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Gender & Zuschreibung
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Körperbilder
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Colorism & visuelle Zuschreibungen
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Ableistische Sprachmuster
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Genderbezogene Sprachmuster
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Klassismus & soziale Zuschreibungen
SÄTZE, DIE NICHT MEHR ZÄHLEN
»Das haben wir doch schon immer so gesagt!«
»Das haben wir doch schon immer so gemacht!«
Manchmal passen Ausdrucks- oder Verhaltensweisen einfach nicht mehr in die Zeit. Ein guter Grund, regelmäßig zu hinterfragen, was noch angemessen und respektvoll ist. Ein bewusster Umgang mit Sprache und Verhalten zeigt, dass wir uns mit gesellschaftlichem Wandel auseinandersetzen und weiterentwickeln.
»Jetzt sei doch nicht so empfindlich!«
»Heute darf man ja gar nichts mehr sagen!«
Solche Aussagen führen häufig dazu, die eigene Verantwortung abzuwälzen und Gefühle anderer zu entwerten. Wahre Wertschätzung bedeutet: Verantwortung für die eigenen Worte zu übernehmen und sich bewusst mit respektvoller Sprache befassen.
»Das ist überhaupt nicht böse gemeint!«
Auch wenn eine Aussage nicht absichtlich verletzend gemeint ist, kann sie in ihrer Wirkung negativ sein, besonders wenn sie historische oder kulturelle Wunden anspricht. Wörter wie das N-Wort stehen für jahrhundertelange Diskriminierung. Wenn wir uns auf Augenhöhe begegnen wollen, braucht es Perspektivwechsel, den Blick auf historischen Kontext und die Anerkennung von Verletzung.

